Fazit: Wenn ein Komondor-Welpe im Alter von zwei bis fünf Monaten nicht zunimmt, das Futter verweigert, erbricht oder Durchfall hat, gehört die Cobalamin-(Vitamin-B12-)Malabsorption auf die Differentialliste. Ursache ist eine Spleißstellen-Variante im CUBN-Gen (c.8746+1G>A, Intron 55), die Fyfe et al. (2018, BMC Veterinary Research 14:418) bei sechs betroffenen Komondoren nachgewiesen haben. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv — beide Elterntiere sind klinisch gesund. Die Zahlen sind für eine seltene Rasse bemerkenswert: In der Studie wurden zusätzlich 98 gesunde Komondoren aus Nordamerika und Ungarn typisiert, die Allelfrequenz lag bei 8,3 % in Nordamerika und 4,5 % in Ungarn. Bei einem Genpool dieser Größe ist das kein Randproblem, sondern Zuchtplanung. Die gute Nachricht steht am Anfang, nicht am Ende: Die Erkrankung ist behandelbar. Unter parenteralem Cyanocobalamin bildeten sich in der Studie sämtliche klinischen und metabolischen Auffälligkeiten zurück — mit einer einzigen Ausnahme, auf die wir unten zurückkommen. Wichtig ist die Reihenfolge: Bei einem akut kranken Welpen gehört der Gang in die Tierarztpraxis vor jeden Gentest. Serum-Cobalamin und Methylmalonsäure liefern schneller eine Antwort. Der Gentest ist das Werkzeug der Zucht — und in Deutschland ist er als LABOGEN-Untersuchung Nr. 8475 ein Katalogtest, kein Sonderfall.
Warum ausgerechnet der Komondor
Der Komondor ist ein ungarischer Herdenschutzhund, dessen Erwähnung als „ungarischer Hirtenhund“ bis ins Jahr 1544 zurückreicht. Rund 80 Zentimeter Schulterhöhe, etwa 60 Kilogramm, dazu die unverwechselbare Zottelschnur — in Deutschland ist er eine ausgesprochene Liebhaberrasse. Genau das ist der Punkt.
Seltene Rassen haben kleine Genpools. Die Welpenstatistik des VDH weist für das gesamte deutsche Zuchtgeschehen zuletzt rund 56.000 Welpen pro Jahr aus — den niedrigsten Stand seit 2008. Auf eine Rasse wie den Komondor entfallen davon nur sehr wenige Würfe. In einer solchen Population verteilt sich eine rezessive Variante nicht, sie bleibt konzentriert, und die Chance, dass zwei Träger aufeinandertreffen, ist ungleich höher als bei einer Modehunderasse.
Die Untersuchung von Fyfe et al. (2018) hat diese Vermutung mit Zahlen unterlegt. Neben den sechs betroffenen Hunden wurden 98 gesunde Komondoren aus Nordamerika und Ungarn sowie 100 Hunde anderer Rassen als Kontrolle genotypisiert. Ergebnis: Allelfrequenz 8,3 % in Nordamerika, 4,5 % in Ungarn. Das Mutantenallel ist also in beiden Zuchtzentren der Rasse etabliert — und Ungarn ist das Ursprungsland, aus dem auch deutsche Zuchten ihre Blutlinien beziehen.
Was im Darm passiert
LenaKann ich nicht einfach ein Vitamin-B12-Präparat unters Futter mischen? Jonas ReuterNein. Der Defekt sitzt im Rezeptor der Darmwand — oral zugeführtes B12 scheitert an genau derselben Stelle.Säugetiere können Vitamin B12 nicht selbst herstellen. Es muss über die Nahrung aufgenommen werden, und zwar an einer einzigen Stelle: im hinteren Dünndarm, über den Rezeptor Cubam.
Cubam besteht aus zwei Proteinen — Cubilin (Gen CUBN) und Amnionless (Gen AMN). Fällt eines davon aus, funktioniert der Rezeptor nicht mehr. Der Hund frisst normal, das Futter enthält reichlich B12, und nichts davon gelangt in den Körper. Beim Menschen heißt dieses Krankheitsbild Imerslund-Gräsbeck-Syndrom; beim Hund wird derselbe Name verwendet.
Die Komondor-Variante unterscheidet sich mechanistisch von den anderen bekannten Formen. Beagle (c.786delC) und Border Collie (c.8392delC) tragen Deletionen im codierenden Bereich. Beim Komondor ist es eine Punktmutation an der Spleiß-Donorstelle von Intron 55: Die Konsensussequenz, an der die Zelle das Intron herausschneidet, wird zerstört. Die Folge ist ein fehlerhaftes Spleißmuster — vermutlich das Überspringen eines Exons — mit Verschiebung des Leserasters und vorzeitigem Stoppcodon.
Praktisch heißt das: Ein Test für Border Collies beantwortet die Frage beim Komondor nicht. Achten Sie bei der Beauftragung darauf, dass die rassespezifische Variante untersucht wird.
Klinisches Bild: 2,5 bis 5 Monate
LenaWoran erkenne ich das früh genug? Jonas ReuterAn der Kombination: Welpe wächst nicht, frisst schlecht, hat wiederkehrenden Durchfall. Einzeln ist jedes Symptom unspezifisch.In der Komondor-Studie traten die Symptome zwischen 2,5 und 5 Monaten auf:
- Inappetenz, Erbrechen, Durchfall
- Gedeihstörung — die Welpen blieben untergewichtig und lethargisch
- Schwäche; bei einzelnen Tieren Tremor oder Krampfanfälle
Das Labor ist deutlich aussagekräftiger als der klinische Eindruck:
- Nicht-regenerative Anämie mit Neutropenie, milde Thrombozytopenie
- Vergrößerte Anionenlücke
- Serum-Cobalamin nicht nachweisbar oder subnormal
- Methylmalonsäure massiv erhöht: 20.000–37.000 mmol/mol Kreatinin gegenüber einem Normwert von ≤ 2. Ein unübersehbares Signal
- Milde bis mäßige Proteinurie, mit Cubam-Liganden im Harn (Transferrin, Albumin, Vitamin-D-bindendes Protein, Haptoglobin, Apo A1)
Und nun die angekündigte Ausnahme. Unter der Therapie verschwanden alle klinischen Zeichen und metabolischen Auffälligkeiten — bis auf die ligandenspezifische leichte bis mäßige Proteinurie. Cubam sitzt nämlich auch im Nierentubulus und übernimmt dort die Rückresorption von Proteinen. Eine bleibende Proteinurie beim gut eingestellten Hund ist deshalb nicht automatisch ein Zeichen für eine fortschreitende Nierenerkrankung. Das ist eine Information, die im Befundgespräch mit der Tierärztin oder dem Tierarzt Missverständnisse verhindert.
Der Gentest in Deutschland: Nummer 8475, 62 Euro
LenaMuss ich die Probe ins Ausland schicken? Jonas ReuterNein. Der Test steht im deutschen Genetik-Preiskatalog von LABOGEN — mit Nummer, Preis und Bearbeitungszeit.Hier hat der deutschsprachige Raum einen echten Standortvorteil, den man nutzen sollte. LABOGEN / LABOKLIN (Bad Kissingen) führt das Imerslund-Gräsbeck-Syndrom (IGS) als Untersuchung Nr. 8475 — ausdrücklich für die Rassen Beagle, Border Collie und Komondor.
- Preis (Stand: Preiskatalog Genetik Deutschland, Januar 2023): 62,00 € für Besitzer, 48,00 € für Züchter
- Testdauer: 3–14 Werktage
- Probenmaterial: 0,5 ml EDTA-Blut, 2 Backenabstriche oder 1 Spezialtupfer (eNAT)
Zwei Beobachtungen aus demselben Katalog, die für Komondor-Halter praktisch relevant sind. Erstens: Für Beagle (Paket Nr. 8620) und Border Collie (Paket Nr. 8626) existieren rassespezifische Testkombinationen zu je 110,00 €, in denen IGS enthalten ist. Für den Komondor gibt es kein solches Paket — hier ist der Einzeltest 8475 der richtige und zugleich günstigere Weg. Zweitens: Der Züchterpreis liegt rund 23 % unter dem Besitzerpreis. Wer als Zuchtstätte mehrere Tiere testen lässt, sollte den Auftrag entsprechend stellen. Die aktuellen Konditionen sind auf den Seiten von LABOKLIN zu den Erbkrankheiten beim Hund einsehbar; Preiskataloge werden jährlich neu aufgelegt.
Der Backenabstrich lässt sich zu Hause nehmen. Soll der Befund allerdings für eine Zuchtzulassung oder eine Verbandsdokumentation verwendet werden, verlangen die Verbände in der Regel eine tierärztliche Probenahme mit Identitätsprüfung über den Mikrochip. Klären Sie das vor dem Abstrich mit Ihrem Zuchtverband — eine zweite Probe kostet sonst noch einmal Zeit und Geld.
Zuchtrecht: § 11b TierSchG ist kein Papiertiger
Für Züchterinnen und Züchter im deutschen Rechtsraum kommt zur fachlichen noch eine rechtliche Ebene hinzu, die es so in vielen anderen Märkten nicht gibt.
§ 11b des Tierschutzgesetzes — der sogenannte Qualzuchtparagraph — verbietet es, Wirbeltiere zu züchten, wenn damit gerechnet werden muss, dass bei den Nachkommen erblich bedingt Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten. Die Vorschrift richtet sich nicht nur gegen extreme Körperformen. Sie greift dem Wortlaut nach auch dann, wenn eine bekannte, testbare Erbkrankheit sehenden Auges in die Nachzucht getragen wird.
Genau hier ändert ein verfügbarer Gentest die Lage. Solange eine Erkrankung nicht testbar ist, lässt sich schwer argumentieren, dass mit betroffenen Nachkommen „gerechnet werden muss“. Sobald ein Katalogtest für 62 Euro existiert, verschiebt sich diese Bewertung — die Information war beschaffbar. Das ist kein Grund zur Panik, sondern ein Argument für die Dokumentation: Wer testet und die Befunde aufbewahrt, kann seine Zuchtentscheidung belegen.
Praktisch bedeutet das für den Welpenkauf: Lassen Sie sich die Befunde beider Elterntiere zeigen, nicht nur eines. Prüfen Sie, ob die Komondor-Variante untersucht wurde. Und achten Sie darauf, dass Befund und Hund über die Chipnummer verknüpft sind.
Zur Kostenseite: Die tierärztliche Behandlung selbst rechnet in Deutschland nach der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) ab. Die Therapie besteht aus regelmäßigen Injektionen und Kontrolluntersuchungen — eine lebenslange, planbare, aber dauerhafte Position im Haushaltsbudget. Tierkrankenversicherungen schließen erblich bedingte Erkrankungen häufig aus oder knüpfen sie an Wartezeiten; lesen Sie die Ausschlussklauseln, bevor Sie sich darauf verlassen, und schließen Sie eine Versicherung gegebenenfalls ab, bevor Symptome dokumentiert sind.
Wenn der Befund positiv ist
Zuerst das Wichtigste: Dieser Hund kann ein normales Leben führen.
Die Therapie besteht aus parenteralem Cyanocobalamin. In der Komondor-Studie führten 400–1000 µg subkutan oder intramuskulär zu einer raschen klinischen Besserung. Nach Stabilisierung genügte eine Gabe alle zwei bis vier Wochen, um die Hunde dauerhaft symptomfrei zu halten.
Warum nicht oral? Weil der Defekt genau die Aufnahme aus dem Darm betrifft. Die Injektion umgeht den defekten Rezeptor — alles Weitere funktioniert im Körper normal. Verwenden Sie keine frei verkäuflichen B12-Präparate als Ersatz; Dosis und Intervall gehören anhand der Laborwerte in tierärztliche Hand.
Für die Zucht lautet die Regel kurz: frei × Träger ist unbedenklich — es fallen keine betroffenen Welpen. Nur Träger × Träger ist zu vermeiden.
Schließen Sie Träger nicht pauschal aus der Zucht aus. Bei einer Rasse mit so kleiner Population wäre der Verlust an genetischer Vielfalt das größere Problem. Bei einer Allelfrequenz von 4,5 bis 8,3 Prozent bedeutet ein pauschaler Ausschluss, dass ein erheblicher Teil der verfügbaren Zuchttiere wegfällt — für eine Erkrankung, die sich durch die Wahl des Partners vollständig vermeiden lässt.
Häufige Fragen
Q. Erkrankt ein Träger später selbst?
Nein. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv, betroffen sind nur Tiere mit zwei Kopien der Variante. Träger sind klinisch gesund, geben die Variante aber im Mittel an die Hälfte ihrer Nachkommen weiter.
Q. Reicht ein Vitamin-B12-Präparat über das Futter?
Nein. Der Defekt betrifft den Aufnahmerezeptor im Darm; oral zugeführtes B12 scheitert an derselben Stelle. Die Therapie erfolgt durch Injektion.
Q. Mein Welpe nimmt nicht zu. Womit fange ich an?
Mit der Tierarztpraxis. Serum-Cobalamin und Methylmalonsäure liegen deutlich schneller vor als ein Genotyp. Der Gentest dient der Bestätigung und der Zuchtplanung.
Q. Kann ich den Border-Collie-Test verwenden?
Nein. Border Collie (c.8392delC) und Beagle (c.786delC) tragen andere Varianten als der Komondor (c.8746+1G>A, Intron 55). Die Untersuchung Nr. 8475 deckt alle drei Rassen ab — achten Sie darauf, die Rasse korrekt anzugeben.
Q. Die Proteinurie bleibt trotz Therapie bestehen. Ist das ein schlechtes Zeichen?
Eine persistierende leichte bis mäßige Proteinurie ist bei dieser Erkrankung dokumentiert, weil Cubam auch im Nierentubulus wirkt. Die Bewertung im Einzelfall gehört in tierärztliche Hand.
Q. Gilt das Ergebnis lebenslang?
Ja, der Genotyp ändert sich nicht. Für Zuchtzulassungen kann der Verband jedoch eine tierärztliche Probenahme mit Identitätsprüfung verlangen; dann ist eine erneute Beprobung nötig.
Literatur
- Fyfe JC, Hemker SL, Frampton A, et al. (2018) Inherited selective cobalamin malabsorption in Komondor dogs associated with a CUBN splice site variant. BMC Veterinary Research 14:418.
- Owczarek-Lipska M, Jagannathan V, Drögemüller C, et al. (2013) A Frameshift Mutation in the Cubilin Gene (CUBN) in Border Collies with Imerslund-Gräsbeck Syndrome. PLoS ONE 8(4):e61144.
- Drögemüller M, Leeb T, Kook PH, et al. (2014) A frameshift mutation in the cubilin gene (CUBN) in Beagles with Imerslund-Gräsbeck syndrome. Animal Genetics 45(1):148-150.
- Kather S, Grützner N, Kook PH, et al. (2020) Review of cobalamin status and disorders of cobalamin metabolism in dogs. Journal of Veterinary Internal Medicine 34(1):13-28.
- OMIA 001786-9615 — Intestinal cobalamin (vitamin B12) malabsorption, CUBN-related in Canis lupus familiaris.
- LABOGEN / LABOKLIN — Imerslund-Gräsbeck-Syndrom (IGS), Untersuchung Nr. 8475.
- LABOKLIN Bad Kissingen — Erbkrankheiten beim Hund.
- Tierschutzgesetz § 11b — Verbot bestimmter Zuchtformen (Qualzucht).
- Gebührenordnung für Tierärzte (GOT).
- Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) — Welpenstatistik der VDH-Mitgliedsvereine.
- VDH Rasselexikon — Komondor.
Bild: „Komondor male 01“ von Sagaciousphil, CC BY-SA 3.0 (proportional skaliert und mittig auf 1200×630 zugeschnitten)
So lassen Sie Ihr Tier testen
Manche Tier-DNA-Tests prüfen den Trägerstatus erblicher Erkrankungen oder genetische Risikomarker, aber die Ergebnisse sind Information, keine Diagnose. Bei Symptomen oder wenn eine gesicherte Diagnose nötig ist, wenden Sie sich bitte an Ihre Tierärztin oder Ihren Tierarzt.
Nachfolgend – nach Wohnort gruppiert –, wo sich Cobalamin-(Vitamin-B12-)Malabsorption (CUBN) testen lässt, samt Angabe, ob der Dienst diese Variante ausdrücklich listet (✅ = gelistet / ❓ = unbestätigt / ❌ = nicht angeboten).
Innerhalb der EU / in Deutschland
Außerhalb der EU
Hinweis: Auch wenn das Kit international gekauft/versandt werden kann, ist die Dienstleistung selbst (Probenrücksendung, Analyse, Ergebnisse) in Ihrem Land nicht garantiert. Prüfen Sie vor der Bestellung das angegebene Servicegebiet und den Rückversand jedes Anbieters.
In anderen Regionen angebotene Dienste (in Ihrer Region ggf. nicht verfügbar)
Sorgen um die Gesundheit Ihres Tieres? — Sprechen Sie mit einer Tierärztin/einem Tierarzt
Eine gesicherte Diagnose und jede Behandlung sind Sache der Tierärztin/des Tierarztes, nicht eines Testkits.
Bundestierärztekammer — Tierarztsuche
Dieser Abschnitt enthält Werbung (Affiliate-Links); bei einem Kauf über diese Links können wir eine Provision erhalten. Als Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Käufen. Gentests garantieren keine Vorbeugung, Diagnose oder Behandlung von Krankheiten – die Ergebnisse zeigen lediglich Tendenzen und dienen der Information.
Diese Seite bietet bildende Information, keine tierärztliche Diagnose oder Beratung. Entscheidungen zur Gesundheit Ihres Tieres treffen Sie bitte stets mit einer Tierärztin oder einem Tierarzt.


