Fazit: Beim Weißen Schweizer Schäferhund wurde der MDR1-Defekt (ABCB1, nt230(del4)) nicht durch ein Screening-Programm entdeckt, sondern durch echte Vergiftungsfälle. Geyer et al. (2007, Journal of Veterinary Pharmacology and Therapeutics) vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Justus-Liebig-Universität Gießen beschrieben Fälle von Doramectin-Toxikose — Doramectin ist ein makrozyklisches Lakton, das für Nutztiere zugelassen ist und über die Umwidmungskaskade in einen Hund gelangte. Erst danach wurde die Rassedisposition systematisch untersucht. Die Häufigkeitszahlen liegen je nach Studie bei 14% (Gramer et al. 2011, 7.378 Hunde in Deutschland), 16,2% (Firdova et al. 2016, 4.729 Hunde in Europa) und 22% (Beckers et al. 2022, PLoS One). Zwei Punkte werden regelmäßig falsch verstanden: Die Herzwurmprophylaxe in Labeldosis ist nicht das Problem, und Träger sind nicht automatisch sicher — LABOKLIN formuliert ausdrücklich: „autosomal-rezessiv; jedoch ist auch bei Trägern mit Überempfindlichkeit zu rechnen”. Gefährlich sind Loperamid, hochdosierte Avermectine und umgewidmete Nutztierpräparate. Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung. Besprechen Sie jede Medikation mit Ihrer Tierärztin oder Ihrem Tierarzt.
- Gießen 2007: Zwei Hunde, ein Rindermedikament und eine Entdeckung
- Warum ein Wirkstoff für Rinder überhaupt in einen Hund gelangt
- 14, 16,2 und 22 Prozent — drei Studien zu einer Rasse
- Was Beckers 2022 über das Nicht-Testen zeigt
- 150 µg/kg gegen 2.000 µg/kg — und warum Träger nicht sicher sind
- Die Wirkstoffliste: was wirklich gefährlich ist — und was nicht
- Der Gentest in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Kosten, GOT und Tierkrankenversicherung
- Der Weg zur Tierärztin — und was in die Karteikarte gehört
- Häufige Fragen
- Literatur
- So lassen Sie Ihr Tier testen
Gießen 2007: Zwei Hunde, ein Rindermedikament und eine Entdeckung
Bei den meisten Rassen verläuft die Geschichte gleich: Ein Labor testet Tausende Hunde, und irgendwann taucht eine neue Rasse in der Tabelle auf. Beim Weißen Schweizer Schäferhund war es umgekehrt — zuerst wurden Hunde krank, dann wurde die Ursache gesucht.
Die Arbeit ist Geyer J, Klintzsch S, Meerkamp K, Wöhlke A, Distl O, Moritz A, Petzinger E: „Detection of the nt230(del4) MDR1 mutation in White Swiss Shepherd dogs: case reports of doramectin toxicosis, breed predisposition, and microsatellite analysis”, Journal of Veterinary Pharmacology and Therapeutics, 2007, Band 30, Heft 5, Seiten 482-485. Schon der Titel nennt die Reihenfolge: Fallberichte zuerst, Rassedisposition und Mikrosatellitenanalyse danach.
Die Gruppe am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Justus-Liebig-Universität Gießen untersuchte Hunde, die nach der Gabe von Doramectin neurologisch auffällig geworden waren, wies den 4-Basenpaar-Defekt nach und ging anschließend der Frage nach, wie verbreitet er in der Rasse ist. Die Mikrosatellitenanalyse diente dazu, die Herkunft des mutierten Allels innerhalb der Rasse nachzuvollziehen.
Für Halterinnen und Halter ist daran zweierlei wichtig. Erstens: Der Defekt ist bei dieser Rasse klinisch belegt, nicht bloß statistisch abgeleitet. Zweitens: Das auslösende Präparat war kein Hundemedikament — und genau darin liegt das eigentliche Risikomuster.
Warum ein Wirkstoff für Rinder überhaupt in einen Hund gelangt
Doramectin ist in Deutschland für Nutztiere zugelassen, nicht für Hunde. Wie kommt es dann in einen Hund?
Die Antwort heißt Umwidmung. Das Tierarzneimittelgesetz (TAMG), das seit dem 28. Januar 2022 die tierarzneimittelrechtlichen Regelungen des Arzneimittelgesetzes abgelöst hat, erlaubt Tierärztinnen und Tierärzten, ein Arzneimittel außerhalb seiner Zulassung einzusetzen — aber nur in einer festgelegten Kaskade: Zuerst ist ein für diese Tierart und diese Indikation zugelassenes Präparat zu verwenden. Erst wenn keines verfügbar ist, darf auf ein Präparat für eine andere Tierart oder eine andere Indikation ausgewichen werden, danach auf Humanarzneimittel, zuletzt auf eine Rezeptur.
Die Kaskade ist medizinisch sinnvoll und rechtlich sauber. Sie hat aber eine pharmakologische Nebenwirkung: Nutztierpräparate sind auf ein Vielfaches des Hundekörpergewichts konzipiert und entsprechend hoch konzentriert. Ein Rechenfehler bei der Umrechnung schlägt bei einem Hund mit funktionierender Blut-Hirn-Schranke oft folgenlos durch — bei einem MDR1-defekten Hund nicht.
Der rechtliche Rahmen ist im DACH-Raum nicht identisch, auch wenn das Ergebnis ähnlich aussieht. In Deutschland und Österreich gilt unmittelbar die Verordnung (EU) 2019/6 über Tierarzneimittel; die Umwidmungskaskade steht dort in den Artikeln 112 bis 114, wobei für Hunde und Katzen Artikel 112 (nicht der Lebensmittelgewinnung dienende Tierarten) einschlägig ist. Deutschland hat das nationale Recht mit dem TAMG daran angepasst, Österreich mit dem österreichischen Tierarzneimittelgesetz. Die Schweiz steht außerhalb der EU: Dort regelt die Tierarzneimittelverordnung (TAMV) in Artikel 6 Absatz 2 die Umwidmung, wenn für eine Erkrankung kein zugelassenes Tierarzneimittel verfügbar ist.
Ein Punkt gilt in allen drei Ländern: Da die Anwendungssicherheit außerhalb der Zulassung nicht vom Hersteller geprüft wurde, liegt die Umwidmung in der alleinigen Verantwortung der Tierärztin oder des Tierarztes, und die Tierhalterin oder der Tierhalter ist darüber zu informieren. Aus dieser Informationspflicht folgt Ihr praktischer Hebel: Wenn Ihnen mitgeteilt wird, dass ein Präparat umgewidmet eingesetzt werden soll, ist das genau der Moment, in dem Sie den MDR1-Status ansprechen sollten.
Praktisch folgt daraus eine konkrete Empfehlung: Wenn ein umgewidmetes Präparat eingesetzt werden soll, ist der MDR1-Status vorher zu klären. Das gilt besonders für die Behandlung von Demodikose und Sarcoptes-Räude, wo historisch hohe Avermectin-Dosen üblich waren. Für beide Indikationen stehen heute zugelassene Isoxazoline für den Hund zur Verfügung, die laut Washington State University in Labeldosis auch für MDR1-Hunde unbedenklich sind.
14, 16,2 und 22 Prozent — drei Studien zu einer Rasse
LenaWarum nennen verschiedene Quellen so unterschiedliche Zahlen? Jonas ReuterUnterschiedliche Länder und unterschiedliche Einsendegründe. Die Größenordnung bleibt aber stabil.Drei unabhängige Erhebungen haben die Rasse quantifiziert:
- Gramer I et al. (2011, The Veterinary Journal 189(1):67-71) — dieselbe Gießener Arbeitsgruppe, 7.378 Hunde in Deutschland (6.999 Rassehunde, 379 Mischlinge). Allelfrequenz beim Weißen Schweizer Schäferhund: 14%. Zum Vergleich in derselben Tabelle: Collie 59%, Langhaar-Whippet 45%, Sheltie 30%, Miniature Australian Shepherd 24%, Australian Shepherd 22%, Wäller 17%, Bobtail 4%, Border Collie 1%.
- Firdova Z et al. (2016, Research in Veterinary Science 106:89-92) — 4.729 Hunde aus mehreren europäischen Ländern, Probenahme 2012 bis 2014. Weißer Schweizer Schäferhund: 16,2%.
- Beckers E et al. (2022, PLoS One) — in der Gruppe der zur Genotypisierung eingesandten Hunde: 22%.
Die Streuung von 14 bis 22 Prozent erklärt sich durch Herkunftsland und Einsendemotiv: Wer seinen Hund testen lässt, tut das oft, weil im Zuchtumfeld bereits Träger bekannt sind. Solche Stichproben sind nach oben verzerrt.
Belastbar ist die Größenordnung: ein Sechstel bis ein Fünftel der Allele in der Rasse. Bei einer Allelfrequenz von 16% trägt rechnerisch etwa jeder vierte Hund mindestens eine Kopie, rund 2,5% tragen zwei. Der Weiße Schweizer Schäferhund ist damit keine Randnotiz, sondern steht in der oberen Hälfte der betroffenen Rassen.
Was Beckers 2022 über das Nicht-Testen zeigt
Die Arbeit von Beckers et al. (2022) trägt einen Untertitel, der das eigentliche Problem benennt: „The risk of not genotyping” — das Risiko, nicht zu genotypisieren.
Die Gruppe verglich zwei Populationen. In der Klinikpopulation — 286 Hunde aus dem normalen Praxisalltag — lag die Allelfrequenz bei 0,2%: ein einziger heterozygoter Shetland Sheepdog. In der Gruppe der gezielt zur Testung eingesandten 599 Hunde lag sie bei 21,6%.
Dieser Kontrast ist der Kern. In einer durchschnittlichen Praxis ist der MDR1-Hund selten genug, dass niemand routinemäßig an ihn denkt — und genau deshalb wird der eine betroffene Patient übersehen, wenn er hereinkommt. Die Zahl 0,2% beschreibt nicht die Sicherheit des einzelnen Hundes, sondern die Aufmerksamkeitslage der Praxis.
Als problematisch benannten die Autorinnen und Autoren Ivermectin und weitere makrozyklische Laktone, Loperamid, Acepromazin sowie mehrere Chemotherapeutika, darunter Vincristin, Vinblastin und Doxorubicin.
Die Konsequenz für Halterinnen und Halter einer disponierten Rasse ist unbequem, aber klar: Die Information muss von Ihnen kommen. Sie können sich nicht darauf verlassen, dass die Rasse in der Praxis automatisch einen Reflex auslöst.
150 µg/kg gegen 2.000 µg/kg — und warum Träger nicht sicher sind
Das ABCB1-Gen kodiert das P-Glykoprotein, eine Pumpe in den Endothelzellen der Blut-Hirn-Schranke, die bestimmte Wirkstoffe aktiv aus dem Gehirn zurück ins Blut befördert. Mealey KL et al. (2001, Pharmacogenetics 11(8):727-733) zeigten an ivermectinempfindlichen Collies, dass eine Deletion von vier Basenpaaren das Leseraster verschiebt und vorzeitige Stoppcodons erzeugt — das Protein wird nie fertiggestellt.
Wie groß der Unterschied praktisch ist, beziffert LABOKLIN: Betroffene Hunde können bereits bei 150 µg pro kg Körpergewicht neurotoxische Effekte zeigen, nicht betroffene Hunde vertragen bis zu 2.000 µg/kg ohne klinische Symptome. Das ist ein Sicherheitsabstand, der um etwa den Faktor 13 auseinanderliegt.
Und nun der Punkt, der in Rassestandard-Diskussionen regelmäßig untergeht. LABOKLIN führt den Erbgang als „autosomal-rezessiv; jedoch ist auch bei Trägern mit Überempfindlichkeit zu rechnen“.
Der Grund ist mengenmäßig: Ein Hund mit einer intakten Kopie bildet etwa die Hälfte der normalen P-Glykoprotein-Menge. Für übliche Dosierungen reicht das. Wird die Kapazität der Pumpe überschritten, steigt die Hirnkonzentration auch beim Träger. „N/MDR1″ bedeutet also nicht „unbedenklich”, sondern „halbe Reserve”.
Typische Symptome einer Toxikose treten Stunden bis ein bis zwei Tage nach Gabe auf: Ataxie, weite Pupillen, Speicheln, Erbrechen, scheinbare Blindheit, Tremor, ausgeprägte Somnolenz bis zum Koma.
Die Wirkstoffliste: was wirklich gefährlich ist — und was nicht
Die häufigste Fehlreaktion nach einer MDR1-Diagnose ist das eigenmächtige Absetzen der Parasitenprophylaxe. Das ist ein Tausch eines kleinen gegen ein großes Risiko.
Die Washington State University hält fest, dass die FDA das ivermectinhaltige Herzwurmpräparat Heartgard in Labeldosis auch für Hunde mit MDR1-Mutation als sicher eingestuft hat. Prophylaxedosen liegen im Bereich weniger Mikrogramm pro Kilogramm — zwei Größenordnungen unter der Toxizitätsschwelle. Für den DACH-Raum ist das vor allem bei Reisen in Mittelmeerländer relevant, wo Herzwurmprophylaxe empfohlen wird.
Sortiert nach Handlungsrelevanz:
- Unbedingt vermeiden: Loperamid (in rezeptfreien Durchfallmitteln aus der Humanapotheke). Die WSU kennzeichnet es als AVOID mit dem Hinweis, es werde neurologische Toxizität verursachen. Der Griff in die eigene Hausapotheke ist der wahrscheinlichste Unfallhergang.
- Dosis nur nach tierärztlicher Rücksprache: Acepromazin, Butorphanol, Apomorphin, Maropitant, Ondansetron, Ciclosporin, Grapiprant sowie Chemotherapeutika. Acepromazin und Butorphanol sind gängige Präanästhetika — hier entscheidet sich bei Kastration, Zahnsanierung und Bildgebung, ob der Genotyp bekannt ist.
- In Labeldosis unbedenklich: Moxidectin, Selamectin, Afoxolaner, Fluralaner, Lotilaner, Sarolaner. Die gängigen Floh- und Zeckenpräparate fallen überwiegend hierunter.
- Hochrisiko-Konstellation: hochdosierte Avermectine gegen Räude und umgewidmete Nutztierpräparate — der Weg, über den die Gießener Fälle entstanden.
Der Gentest in Deutschland, Österreich und der Schweiz
LenaMuss ich den Test jedes Jahr wiederholen lassen? Jonas ReuterNein, der Genotyp ist lebenslang fix. Einmal testen genügt für alle künftigen Narkosen.Der Test ist im DACH-Raum unkompliziert verfügbar und muss nur einmal im Leben durchgeführt werden.
LABOKLIN (Bad Kissingen) gibt eine Bearbeitungsdauer von 3 bis 5 Werktagen nach Probeneingang an. Die Rasseliste umfasst ausdrücklich Weißer Schweizer Schäferhund neben Australian Shepherd, Bobtail, Border Collie, Collie (Kurz-/Langhaar), Deutscher Schäferhund, Elo, McNab, Miniature American Shepherd, Sheltie, Silken Windhound, Silken Windsprite (Langhaar-Whippet) und Wäller.
LABOGEN bietet den Test ebenfalls an; in Österreich ist Feragen (Salzburg/Graz) eine etablierte Adresse, die auch aus Deutschland erreichbar ist. Als Probenmaterial ist 0,5–1 ml EDTA-Blut oder ein Backenschleimhaut-Abstrich vorgesehen — der Abstrich ist ohne Blutentnahme möglich.
Für die Schweiz — das Ursprungsland der Rasse — führt LABOKLIN einen eigenen Schweizer Preiskatalog Genetik. In der Ausgabe Juli 2025 ist der MDR1-Test unter der Testnummer 8032 gelistet (Preiskatalog Genetik Schweiz, Juli 2025), mit einer Bearbeitungszeit von 3–5 Tagen und Preisangaben von CHF 63,15 bzw. CHF 48,90. Die dort genannte Rasseliste führt den Weissen Schweizer Schäferhund ausdrücklich auf. Damit existiert für Schweizer Halterinnen und Halter ein Inlandspreis in Franken — der Umweg über ein deutsches Labor ist nicht nötig, und das ist auch der praktisch relevantere Weg: Die Schweiz gehört nicht zur EU-Zollunion, ein Probenversand von der Schweiz nach Deutschland überschreitet also eine Zollgrenze und erfordert eine Zollinhaltserklärung.
Ein Hinweis zur Zucht, und hier lohnt der Blick über die deutsche Grenze. Der Weiße Schweizer Schäferhund ist seit 2011 endgültig von der FCI anerkannt (Standard Nr. 347, Ursprungsland Schweiz) — die Rasse wurde also über die Schweiz in die FCI eingebracht, nicht über Deutschland. Die zuständigen Dachverbände sind entsprechend drei: der VDH in Deutschland, der ÖKV (Österreichischer Kynologenverband) in Österreich und die SKG / SCS (Schweizerische Kynologische Gesellschaft) in der Schweiz. Welche Gesundheitsuntersuchungen für eine Zuchtzulassung verlangt werden, regeln die Zuchtordnungen der jeweiligen Rassezuchtvereine unter diesen Dachverbänden — das ist vereins- und länderspezifisch und ändert sich. Wer eine Verpaarung plant oder einen Welpen sucht, klärt die aktuellen Anforderungen direkt beim zuständigen Verein des jeweiligen Landes und lässt sich die MDR1-Befunde beider Elterntiere im Original zeigen. Genetisch gilt unabhängig von jeder Zuchtordnung: Ist ein Elterntier N/N, kann kein Welpe MDR1/MDR1 werden.
Preise, Rasselisten und Bearbeitungszeiten können sich ändern — bitte auf den Seiten der Labore prüfen.
Kosten, GOT und Tierkrankenversicherung
Bei den Kosten sind in Deutschland zwei Ebenen zu trennen.
Die Laborleistung wird vom Labor berechnet. Kommt die Probe über die Praxis, treten tierärztliche Leistungen hinzu — allgemeine Untersuchung, gegebenenfalls Blutentnahme —, die nach der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) abgerechnet werden. Die GOT gilt nur in Deutschland — in Österreich und der Schweiz kalkulieren die Praxen frei, in der Schweiz orientiert man sich an den Empfehlungen der GST. Die novellierte deutsche GOT gilt seit dem 22. November 2022; sie ist für Tierärztinnen und Tierärzte verbindlich, Unterschreitungen sind unzulässig. Rechnen Sie deshalb nicht nur mit dem Laborpreis, sondern mit Laborpreis plus Praxisleistung. Zum internationalen Vergleich: die Washington State University verlangt für ihren MDR1-Test 70 US-Dollar.
Konkrete Zahlen, soweit öffentlich ausgewiesen: Für die Schweiz nennt der LABOKLIN-Preiskatalog Genetik (Juli 2025) beim MDR1-Test CHF 63,15 bzw. CHF 48,90. Für Deutschland und Österreich nennen die Labore auf ihren Testbeschreibungsseiten keinen Preis; der Betrag steht dort erst im jeweiligen Onlineshop beziehungsweise wird über die Praxis abgerechnet. Feragen etwa verkauft den MDR1-Test direkt über den eigenen Shop — den aktuellen EUR-Betrag sehen Sie dort beim Anlegen der Bestellung. Zur Einordnung der Größenordnung: dasselbe Testverfahren kostet bei LABOKLIN im Vereinigten Königreich £48,00 inklusive Mehrwertsteuer und an der Washington State University 70 US-Dollar. Ein zweistelliger Betrag im unteren bis mittleren Bereich ist also die realistische Erwartung — einmalig, für ein lebenslang gültiges Ergebnis.
Zur Tierkrankenversicherung gehören zwei getrennte Fragen. Die Anbieter unterscheiden sich je nach Land: in Deutschland etwa Agila, Uelzener, Barmenia, Allianz, DA Direkt, in Österreich unter anderem Helvetia und die Wiener Städtische, in der Schweiz etwa Animalia, Epona und Helvetia. Prüfen Sie die Bedingungen des Anbieters in Ihrem Land — die Klauseln sind nicht deckungsgleich:
- Der Gentest selbst ist in aller Regel nicht versichert. Tierkranken- und OP-Versicherungen decken Behandlung von Krankheit und Unfall ab; eine Untersuchung am gesunden Hund fällt unter Vorsorge und damit meist heraus. Einzelne Tarife enthalten ein Vorsorgebudget — dort ist zu prüfen, ob Gentests namentlich genannt sind.
- Die Behandlung einer Arzneimittelvergiftung (stationäre Aufnahme, Infusionen, Lipidemulsionstherapie) ist grundsätzlich Behandlung einer akuten Erkrankung. Prüfen Sie vorab drei Klauseln: Ausschluss erblicher und angeborener Erkrankungen, die Wartezeit (üblich sind rund 30 Tage) und Regelungen zu Vorerkrankungen bzw. zur Anzeigepflicht, falls der Genotyp vor Vertragsschluss bekannt war.
Der schnellste Weg: Suchen Sie in den Versicherungsbedingungen nach „erblich”, „angeboren”, „Vorsorge” und „Wartezeit” und fragen Sie beim Versicherer die beiden Punkte getrennt ab.
Der Weg zur Tierärztin — und was in die Karteikarte gehört
Im DACH-Raum ist die Haustierarztpraxis der Einstieg; von dort wird bei Bedarf an eine Tierklinik, eine Fachtierärztin für Innere Medizin oder Neurologie oder eine universitäre Klinik für Kleintiere überwiesen. Außerhalb der Sprechzeiten greift der tierärztliche Notdienst.
Im Normalfall genügen drei Sätze bei jedem Termin mit Sedierung, Narkose oder neuem Rezept:
- „Das ist ein Weißer Schweizer Schäferhund — eine MDR1-disponierte Rasse.”
- „Der MDR1-Genotyp ist N/N, N/MDR1, MDR1/MDR1 oder ungetestet.”
- „Bitte MDR1 in der Karteikarte vermerken, sichtbar vor der Prämedikation.”
Im Notfall — neurologische Auffälligkeiten nach einer Gabe — gilt: sofort vorstellen und die Verpackung mitbringen. Wirkstoff und tatsächlich verabreichte Menge bestimmen das Vorgehen und lassen sich aus dem Gedächtnis selten zuverlässig rekonstruieren. Bei umgewidmeten Nutztierpräparaten ist die Konzentrationsangabe auf dem Etikett die entscheidende Information.
Und zum Schluss die Einordnung, die am häufigsten fehlt: Ein Ergebnis N/N ist kein Freibrief. Es schließt genau ein Risiko aus. Dosierungsfehler, Wechselwirkungen und Narkosezwischenfälle bleiben davon unberührt. Der Genotyp ist ein Baustein der Therapieplanung, keine Unbedenklichkeitsbescheinigung.
Häufige Fragen
Q. Warum gilt der Weiße Schweizer Schäferhund als disponiert, obwohl er nicht als Hütehund geführt wird?
Weil die Mutation mit den Gründertieren wandert, nicht mit dem Verwendungszweck. Die Rasse geht auf weiße Linien des Deutschen Schäferhundes zurück, bei dem der Defekt ebenfalls nachgewiesen ist. Geyer et al. (2007) untersuchten die Herkunft des Allels in der Rasse mittels Mikrosatellitenanalyse.
Q. Muss ich die Herzwurm- oder Wurmprophylaxe absetzen?
Nein. Die WSU verweist darauf, dass die FDA das ivermectinhaltige Heartgard in Labeldosis auch für MDR1-Hunde als sicher eingestuft hat. Eigenmächtiges Absetzen schafft ein neues Risiko. Änderungen bitte nur nach tierärztlicher Rücksprache.
Q. Mein Hund ist N/MDR1, also nur Träger. Reicht das nicht?
Nicht ganz. LABOKLIN weist ausdrücklich darauf hin, dass auch bei Trägern mit Überempfindlichkeit zu rechnen ist, da nur etwa die halbe Menge P-Glykoprotein gebildet wird. Teilen Sie den Genotyp vor Narkosen und hohen Dosierungen immer mit.
Q. Darf ich ein rezeptfreies Durchfallmittel aus der Humanapotheke geben?
Kein loperamidhaltiges Präparat. Die WSU stuft Loperamid als AVOID ein und hält fest, dass es neurologische Toxizität verursacht. Fragen Sie stattdessen in der Praxis nach einer für Hunde geeigneten Alternative.
Q. Was bedeutet „Umwidmung” für mich als Halter konkret?
Dass ein Präparat eingesetzt werden kann, das nicht für den Hund zugelassen ist — rechtlich zulässig über die Kaskade des TAMG. Bei einer disponierten Rasse ist das der Moment, in dem der MDR1-Status vor der Anwendung geklärt sein sollte.
Q. Wie oft muss der Test wiederholt werden?
Gar nicht. Der Genotyp ist lebenslang unveränderlich; eine einzige Testung gilt für alle künftigen Narkosen, Kastrationen und Entwurmungen.
Literatur
- Geyer J, Klintzsch S, Meerkamp K, Wöhlke A, Distl O, Moritz A, Petzinger E. Detection of the nt230(del4) MDR1 mutation in White Swiss Shepherd dogs: case reports of doramectin toxicosis, breed predisposition, and microsatellite analysis. Journal of Veterinary Pharmacology and Therapeutics. 2007;30(5):482-485. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17803743/
- Mealey KL, Bentjen SA, Gay JM, Cantor GH. Ivermectin sensitivity in collies is associated with a deletion mutation of the mdr1 gene. Pharmacogenetics. 2001;11(8):727-733. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11692082/
- Gramer I, Leidolf R, Döring B, et al. Breed distribution of the nt230(del4) MDR1 mutation in dogs. The Veterinary Journal. 2011;189(1):67-71. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20655253/
- Firdova Z, Turnova E, Bielikova M, Turna J, Dudas A. The prevalence of ABCB1:c.227_230delATAG mutation in affected dog breeds from European countries. Research in Veterinary Science. 2016;106:89-92. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27234542/
- Beckers E, Casselman I, Soudan B, et al. The prevalence of the ABCB1-1Δ variant in a clinical veterinary setting: The risk of not genotyping. PLoS One. 2022;17(8). https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9423603/
- Washington State University, Washington Animal Disease Diagnostic Laboratory. MDR1 in Dogs — Problem Medications. https://waddl.vetmed.wsu.edu/mdr1-in-dogs/
- LABOKLIN. MDR1-Genvariante (Ivermectin-Überempfindlichkeit). https://laboklin.de/de/leistungen/genetik/erbkrankheiten/hund/mdr1-genvariante-ivermectin-ueberempfindlichkeit/
- LABOGEN. MDR1-Genvariante (Ivermectinunverträglichkeit). https://labogen.com/en/erbkrankheiten-hund/mdr1-genvariante-ivermectinunvertraeglichkeit/
Bildnachweis Titelbild: „Berger blanc suisse3″ von Nicole Kö (Wikimedia Commons), lizenziert unter CC BY 3.0. Originaldatei.
So lassen Sie Ihr Tier testen
Manche Tier-DNA-Tests prüfen den Trägerstatus erblicher Erkrankungen oder genetische Risikomarker, aber die Ergebnisse sind Information, keine Diagnose. Bei Symptomen oder wenn eine gesicherte Diagnose nötig ist, wenden Sie sich bitte an Ihre Tierärztin oder Ihren Tierarzt.
Nachfolgend – nach Wohnort gruppiert –, wo sich MDR1 (ABCB1) testen lässt, samt Angabe, ob der Dienst diese Variante ausdrücklich listet (✅ = gelistet / ❓ = unbestätigt / ❌ = nicht angeboten).
Innerhalb der EU / in Deutschland
Außerhalb der EU
Hinweis: Auch wenn das Kit international gekauft/versandt werden kann, ist die Dienstleistung selbst (Probenrücksendung, Analyse, Ergebnisse) in Ihrem Land nicht garantiert. Prüfen Sie vor der Bestellung das angegebene Servicegebiet und den Rückversand jedes Anbieters.
In anderen Regionen angebotene Dienste (in Ihrer Region ggf. nicht verfügbar)
Sorgen um die Gesundheit Ihres Tieres? — Sprechen Sie mit einer Tierärztin/einem Tierarzt
Eine gesicherte Diagnose und jede Behandlung sind Sache der Tierärztin/des Tierarztes, nicht eines Testkits.
Bundestierärztekammer — Tierarztsuche
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