Fazit: Die neuronale Ceroid-Lipofuszinose (NCL) beim Chinesischen Schopfhund geht auf eine Variante im Gen MFSD8 (CLN7) zurück – die Ein-Basen-Deletion c.846delT (p.Phe282Leufs13*) – und wird autosomal-rezessiv vererbt. Der Chinesische Schopfhund ist die Rasse, in der diese Variante erstmals dokumentiert wurde (Guo 2014). Beschrieben ist ein früher Beginn um das erste Lebensjahr mit fortschreitendem Sehverlust und Ataxie. Wichtig: Ein DNA-Test liefert genetische und züchterische Information, aber KEINE klinische Diagnose. Die eigentliche Diagnose gehört in die Hände eines Fachtierarztes für Neurologie; eine Heilung ist bislang nicht bekannt. Dieser Beitrag dient der Information – für konkrete Schritte konsultieren Sie bitte Ihren Tierarzt.
- Was ist NCL – und wie wirkt der MFSD8/CLN7-Mechanismus?
- Chinesischer Schopfhund und die Erstbeschreibung der Variante (Guo 2014)
- Autosomal-rezessiver Erbgang und symptomlose Träger
- Testen im DACH-Raum: Labore, Abstrich und Weg zum Ergebnis
- Was der Gentest zeigt – und was nicht
- Was tun bei Sorge oder anstehenden Zuchtentscheidungen?
- Häufige Fragen
- Quellen
- So lassen Sie Ihr Tier testen
Was ist NCL – und wie wirkt der MFSD8/CLN7-Mechanismus?
Die neuronale Ceroid-Lipofuszinose (NCL) ist eine Gruppe erblicher, fortschreitender neurodegenerativer Speicherkrankheiten. Nach dem Übersichtsartikel von Katz (2017) funktioniert bei betroffenen Hunden der Abbau in den Lysosomen – gewissermaßen den „Recyclinghöfen” der Zelle – nicht richtig. In der Folge lagern sich autofluoreszierende Abfallstoffe aus Ceroid und lipofuszinähnlichem Material zunehmend im Inneren von Nervenzellen ab. Ein auffälliger Bestandteil dieses Speichermaterials ist die Untereinheit c der mitochondrialen ATP-Synthase. Da ausgereifte Nervenzellen sich nicht mehr teilen und den Abfall dadurch nicht „verdünnen” können, häufen sich die Speicherkörperchen an und treiben ein fortschreitendes Absterben von Nervenzellen in Gehirn, Kleinhirn und Netzhaut voran. Beim Chinesischen Schopfhund ist das verantwortliche Gen MFSD8 (auch CLN7 genannt). Es kodiert ein lysosomales Membranprotein; fällt seine Funktion durch eine Verschiebung des Leserasters (Frameshift) aus, kann der Abbauweg nicht mehr korrekt ablaufen. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv – Symptome sind also nur zu erwarten, wenn ein Hund die Variante von beiden Elternteilen geerbt hat.
Chinesischer Schopfhund und die Erstbeschreibung der Variante (Guo 2014)
LenaWarum wird ausgerechnet der Chinesische Schopfhund mit dieser Variante genannt? Jonas ReuterWeil die MFSD8-Variante c.846delT zuerst bei einem Chinesischen Schopfhund dokumentiert und später beim Chihuahua bestätigt wurde (Guo 2014; Faller 2016).Der Chinesische Schopfhund ist die Rasse, in der diese Variante ursprünglich beschrieben wurde. Die OMIA-Datenbank (Eintrag OMIA:001962-9615, NCL Typ 7) dokumentiert die MFSD8-Frameshift-Variante zunächst beim Chinesischen Schopfhund und anschließend beim Chihuahua (Guo 2014). Wie das klinische Bild aussieht, zeigt eindrücklich die Studie von Faller (2016) an der eng verwandten Schwesterrasse Chihuahua: Dort wurden zwei Wurfgeschwister mit fortschreitender Erblindung, Ataxie, ruhelosem Umherlaufen (Pacing) und kognitiven Einschränkungen ab etwa einem Lebensjahr beschrieben; die Tiere wurden mit rund zwei Jahren euthanasiert. In der Untersuchung des Gehirns fanden sich die typischen autofluoreszierenden Speichereinschlüsse, und die Segregationsanalyse identifizierte MFSD8 (CLN7) p.Phe282Leufs13* – dieselbe Variante, die zuvor beim Chinesischen Schopfhund aufgetaucht war – als ursächlichen Frameshift. Damit zählt diese NCL-Form zu den früh beginnenden Verläufen, vergleichbar mit dem CLN8-Typ des English Setters (Beginn ~12–18 Monate). Wichtig bleibt: Dies ist der in der Forschung dokumentierte typische Verlauf, keine Vorhersage für den einzelnen Hund. Bei auffälligen Beobachtungen entscheidet nicht das äußere Bild, sondern die tierärztliche Untersuchung.
Autosomal-rezessiver Erbgang und symptomlose Träger
LenaMeine Hündin wirkt völlig gesund – dann kann sie doch gar kein Risiko tragen, oder? Jonas ReuterDoch: Bei rezessivem Erbgang sind heterozygote Träger klinisch unauffällig, geben die Variante aber weiter (Katz 2017).Genau hier liegt die Tücke des autosomal-rezessiven Erbgangs. Ein Hund, der die Variante nur in einfacher Ausführung trägt (heterozygoter Träger), ist klinisch gesund und äußerlich nicht von einem freien Tier zu unterscheiden. Erst wenn zwei Träger verpaart werden, kann statistisch ein Teil der Welpen zwei Kopien erben und erkranken. Katz (2017) betont, dass gesunde Träger die Variante über Generationen unbemerkt weitergeben können – deshalb ist ein DNA-Trägertest vor der Zucht der einzige verlässliche Weg, betroffene Würfe zu vermeiden. Wie relevant das in einer beliebten Rasse werden kann, zeigt eine Screening-Studie an der Schwesterrasse: Pervin (2022) untersuchte 1.007 Chihuahua-Welpen und fand eine Trägerrate von 1,29 % (mutante Allelfrequenz 0,00645) – ein Wert, den die Autoren als hoch genug einstuften, um Kontroll- und Präventionsmaßnahmen zu rechtfertigen. Der praktische Gewinn eines Tests: Wer Träger identifiziert, kann gezielt Träger × frei (carrier × clear) verpaaren. So werden erkrankte Welpen vermieden, ohne wertvolle Zuchttiere pauschal aus der Population zu nehmen – die genetische Vielfalt bleibt erhalten.
Testen im DACH-Raum: Labore, Abstrich und Weg zum Ergebnis
LenaIch möchte testen lassen – aber wie geht das konkret hier in Deutschland? Jonas ReuterÜber etablierte EU-Labore mit Backenabstrich per Post; prüfen Sie vorab, ob die MFSD8/CLN7-Variante auf dem Panel steht.Im deutschsprachigen Raum lässt sich ein NCL-DNA-Test unkompliziert über etablierte Labore organisieren. Für die Probennahme genügt in der Regel ein Backenabstrich (Wangenschleimhaut-Abstrich), den Sie zu Hause entnehmen und innerhalb der EU per Post einschicken – ohne Zollformalitäten, solange die Sendung die EU nicht verlässt. In Deutschland ist Laboklin/LABOGEN (Bad Kissingen) eine bekannte Referenzadresse und bietet mehrere rassespezifische NCL-Tests an. In Österreich ist Feragen ein etablierter Anbieter, und das tschechische Labor Genomia bearbeitet ebenfalls Proben aus Deutschland und dem übrigen DACH-Raum; für Sequenzier-Kontexte sind in der Region zudem Anbieter wie Generatio/CeGaT bekannt. Entscheidend ist ein Schritt vor der Bestellung: Bestätigen Sie beim Labor, dass genau die MFSD8/CLN7-Variante (NCL7) für den Chinesischen Schopfhund auf dem gewählten Panel enthalten ist, denn „NCL” umfasst mehrere Gene und rassespezifische Tests. Kostenseitig gilt eine grobe Orientierung: Ein Einzeltest ist meist günstiger als ein umfassendes Rassepanel, doch die genauen Preise ändern sich – prüfen Sie die aktuellen Tarife direkt beim Labor. Wenn tatsächlich Symptome auffallen, führt der klinische Weg über den Haustierarzt, der bei Bedarf eine Überweisung an einen Fachtierarzt für Neurologie oder eine Tierklinik (etwa eine universitäre Tierklinik) ausstellt.
Was der Gentest zeigt – und was nicht
LenaWenn der Test gemacht ist, habe ich damit die Diagnose in der Hand, richtig? Jonas ReuterDas sollte man trennen: Der Test nennt den Genotyp und Zuchtinformationen, die klinische Diagnose stellt der Tierarzt (Katz 2017).Ein DNA-Test sagt aus, ob ein Hund die MFSD8/CLN7-Variante nicht trägt (frei), einfach trägt (Träger) oder in zwei Kopien besitzt (betroffener Genotyp). Diese Information ist wertvoll für Zuchtentscheidungen: Aus der Kombination Träger × frei lassen sich erkrankte Welpen zuverlässig vermeiden. Der Gentest ist jedoch keine klinische Diagnose. Ob und in welchem Ausmaß sich tatsächlich Veränderungen an Nervensystem oder Netzhaut zeigen und wie weit ein etwaiger Verlauf fortgeschritten ist, beurteilt allein die Untersuchung durch den Tierarzt – insbesondere einen Fachtierarzt für Neurologie. Auch ein „betroffener” Genotyp ist ein Anlass für das Fachgespräch, nicht für eigenmächtige Behandlungsschritte; dieser Beitrag gibt keine Therapieanweisung. Für NCL ist bislang keine Heilung bekannt (Katz 2017) – die Rolle des DNA-Tests liegt daher in der Information und der Unterstützung von Zuchtentscheidungen. Am sinnvollsten ist es, beide Ebenen zweckgerecht zu nutzen: den DNA-Trägertest vor der Zucht und die klinische Bewertung durch den Tierarzt, wenn Symptome auftreten.
Was tun bei Sorge oder anstehenden Zuchtentscheidungen?
LenaUnd wie gehe ich jetzt praktisch vor, ohne in Panik zu verfallen? Jonas ReuterRuhig und in dieser Reihenfolge: Tierarzt bei Symptomen, DNA-Test für die Zucht, und die rechtlichen Rahmen für Hunde beachten (TierSchG, VDH/FCI).Bei konkreten Beobachtungen wie Sehschwierigkeiten, Unsicherheit im Gang oder Verhaltensänderungen ist der erste Schritt der Besuch beim Haustierarzt, der bei Bedarf an einen Fachtierarzt für Neurologie überweist. Für die Zucht gilt: Verantwortungsvolle Züchter kombinieren gezielt Träger × frei, um erkrankte Welpen auszuschließen und zugleich die genetische Vielfalt zu wahren. Beim rechtlichen Rahmen lohnt eine korrekte Einordnung: Das Gendiagnostikgesetz (GenDG) betrifft Menschen und regelt keine Tiertests – für Hunde ist stattdessen das Tierschutzgesetz (TierSchG) maßgeblich, insbesondere das Qualzuchtverbot nach §11b, das die Zucht auf krankmachende Merkmale untersagt. Ergänzend verlangen die Zuchtordnungen von VDH (Verband für das Deutsche Hundewesen, unter dem Dach der FCI) zunehmend Gesundheits- und Genscreenings. Ein weiterer Praxispunkt ist die Absicherung: Deutsche Tierkrankenversicherungen schließen erbliche oder angeborene Erkrankungen häufig aus – prüfen Sie daher vor Vertragsabschluss die Bedingungen, ob und wie eine Erkrankung wie NCL abgedeckt wäre. Insgesamt gilt: Ein DNA-Test verschafft Planungssicherheit für die Zucht, ersetzt aber weder die tierärztliche Diagnostik noch eine individuelle Beratung.
Häufige Fragen
Q. Ist NCL beim Chinesischen Schopfhund häufig?
Es handelt sich um eine seltene Erkrankung, aber nicht um ein zu vernachlässigendes Thema. Der Chinesische Schopfhund ist die Rasse, in der die MFSD8/CLN7-Variante erstmals dokumentiert wurde (Guo 2014). Eine Screening-Studie an der Schwesterrasse Chihuahua fand eine Trägerrate von 1,29 % (Pervin 2022) – ein Wert, den die Autoren als hoch genug für Präventionsmaßnahmen einstuften. Ein Trägertest vor der Zucht ist deshalb sinnvoll.
Q. Wo kann ich meinen Hund im DACH-Raum testen lassen und was kostet das?
Etablierte EU-Labore wie Laboklin/LABOGEN (Deutschland), Feragen (Österreich) oder Genomia (Tschechien, bearbeitet DE-Proben) bieten NCL-DNA-Tests per Backenabstrich an. Ein Einzeltest ist meist günstiger als ein umfassendes Panel; die genauen Preise variieren und sollten direkt beim Labor geprüft werden. Bestätigen Sie vor der Bestellung, dass die MFSD8/CLN7-Variante auf dem Panel steht.
Q. Deckt meine Tierkrankenversicherung die Behandlung von NCL ab?
Oft nicht. Deutsche Tierkrankenversicherungen schließen erbliche und angeborene Erkrankungen häufig aus. Da die genauen Regelungen je nach Anbieter unterschiedlich sind, prüfen Sie vor Vertragsabschluss unbedingt die Bedingungen (Bedingungen/Ausschlüsse), ob eine Erkrankung wie NCL erfasst wäre.
Q. Ersetzt ein DNA-Test den Tierarztbesuch?
Nein. Der DNA-Test liefert genetische und züchterische Information, aber keine klinische Diagnose. Die Beurteilung von Symptomen und Verlauf erfolgt durch den Tierarzt, insbesondere einen Fachtierarzt für Neurologie. Bei auffälligen Beobachtungen wenden Sie sich zuerst an Ihren Haustierarzt, der bei Bedarf an eine Fachpraxis oder Tierklinik überweist.
Quellen
- Guo J et al. (2014) MFSD8-Frameshift-Variante bei Hunden mit neuronaler Ceroid-Lipofuszinose (OMIA:001962-9615, NCL Typ 7; Chinese Crested und Chihuahua). Online Mendelian Inheritance in Animals. https://www.omia.org/OMIA001962/9615/
- Faller KME et al. (2016) The Chihuahua dog: A new animal model for neuronal ceroid lipofuscinosis CLN7 disease? Journal of Neuroscience Research 94(4):339-347. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26762174/
- Katz ML et al. (2017) Canine neuronal ceroid lipofuscinoses: Promising models for preclinical testing of therapeutic interventions. Neurobiology of Disease. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5675811/
- Pervin S et al. (2022) Screening and Carrier Rate of Neuronal Ceroid Lipofuscinosis in Chihuahua Dogs in Japan. Animals (Basel) 12(9):1210. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9106037/
- Orthopedic Foundation for Animals (OFA) (2024) Neuronal Ceroid Lipofuscinosis – rassespezifisches DNA-Test-Register. https://ofa.org/neuronal-ceroid-lipofuscinosis/
So lassen Sie Ihr Tier testen
Manche Tier-DNA-Tests prüfen den Trägerstatus erblicher Erkrankungen oder genetische Risikomarker, aber die Ergebnisse sind Information, keine Diagnose. Bei Symptomen oder wenn eine gesicherte Diagnose nötig ist, wenden Sie sich bitte an Ihre Tierärztin oder Ihren Tierarzt.
Nachfolgend – nach Wohnort gruppiert –, wo sich Neuronale Zeroid-Lipofuszinose (NCL) testen lässt, samt Angabe, ob der Dienst diese Variante ausdrücklich listet (✅ = gelistet / ❓ = unbestätigt / ❌ = nicht angeboten).
Innerhalb der EU / in Deutschland
Außerhalb der EU
Hinweis: Auch wenn das Kit international gekauft/versandt werden kann, ist die Dienstleistung selbst (Probenrücksendung, Analyse, Ergebnisse) in Ihrem Land nicht garantiert. Prüfen Sie vor der Bestellung das angegebene Servicegebiet und den Rückversand jedes Anbieters.
In anderen Regionen angebotene Dienste (in Ihrer Region ggf. nicht verfügbar)
Sorgen um die Gesundheit Ihres Tieres? — Sprechen Sie mit einer Tierärztin/einem Tierarzt
Eine gesicherte Diagnose und jede Behandlung sind Sache der Tierärztin/des Tierarztes, nicht eines Testkits.
Bundestierärztekammer — Tierarztsuche
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Diese Seite bietet bildende Information, keine tierärztliche Diagnose oder Beratung. Entscheidungen zur Gesundheit Ihres Tieres treffen Sie bitte stets mit einer Tierärztin oder einem Tierarzt.


